Methodik
raumakustischer Simulation
In der Geometrischen Raumakustik werden grundlegend zwei numerische (d.h.
Computersimulations)- Methoden angewandt:
Die Spiegelschallquellenmethode;
hierbei wird jede Reflexion an einer Wand (=Spiegel) ersetzt durch eine
virtuelle Spiegelquelle dahinter - und dergleichen rekursiv für
Reflexionen höherer Ordnung; diese Methode ist zwar geometrisch exakt,
jedoch rechnerisch höchst ineffektiv (s. Veröffentlichungen
Nr. 20), sie wird deshalb heute nur noch in Kombination mit Ray-Tracing-Methoden
vewendet;
Strahlverfolgungs-
(bzw. Ray-Tracing-) -Methoden; hierbei wird von
einer Punktquelle ("Schallteilchenkanone") eine große
Zahl von "Schallteilchen" ausgesandt, die repräsentativ
sind für "ein Stück" aus der kugelförmigen primären
Schallwelle (meist einige 10000, theoretisch müssten es freilich
unendlich viele sein, s. die etwa gleichgroßen Oberflächenstücke
auf der Kugel im Bild).
Jedes
Schallteilchen wird vom Rechner bzw. im virtuellen Raum nun nach gewissen
geometrischen Regeln, über zahlreiche (meist 10-20) Reflexionen verfolgt.
Jedesmal muss dabei der korrekte Reflexionspunkt auf einer der zahlreichen
(meist 50-500) "Wände" bzw. Oberflächenpolygone bestimmt
werden, wobei im Prinzip alle Wände durchzuprobieren sind. (Beispiel
für Strahlverfolgung, s. Bild). (So erklären sich die relativ
hohen Rechenzeiten raumakustischer Computersimulation.) Die Reflexionen
müssen nicht geometrisch ("Einfalls-=Ausfallswinkel", wie
im Bild), sondern können auch mehr oder weniger "diffus",
d.h. zufällig-streuend erfolgen. (Ein prinzipielles Defizit ist immer
noch die mangelnde Berücksichtigung der durch die Wellennatur des
Schalls bedingten Beugung, s. Veröffentlichungen
Nr. 5, 34,50,51,54 ) . Freilich werden inzwischen zahlreiche raffinierte
(meist aus der Computergrafik bekannte) Methoden angewandt, um die Anzahl
nötiger Berechnungen und damit die Rechenzeit zu minimieren. (s.
"Veröffentlichungen"
Nr. 32, 37).
"Unterwegs"“
werden die Schallteilchen in Detektoren, repräsentativ für die
"Zuhörer" registriert (im Bild sind räumlich durchquerte
Detektoren mit einem Pfeil markiert.) Diese sind am besten quaderförmig
(etwa 1m*1m*1m, s. "Veröffentlichungen"
Nr. 1) und in einem einlagigen Gitter über die Grundfläche des
Raumes ausgebreitet.
Daraus werden schließlich die lokalen Energiedichten und- nach
zeitlicher Sortierung zu Echogrammen - die raumakustischen Zielgrößen
berechnet. Diese werden dann am anschaulichsten in ihrer Verteilung über
den Publikumsflächen als "farbige Landkarten" dargestellt
(s. Beispiele unten).
Die Rechenzeiten genauer raumakustischer Simulationen sind in den vergangenen
20 Jahren von vielen Stunden auf wenige Minuten auf PCs gesunken, bei
Verzicht auf Genauigkeit (für virtual reality- bzw. Echtzeit-Anwendungen)
auf Bruchteile von Sekunden, und werden in naher Zukunft noch weiter sinken
(s. z.B. Veröffentlichungen
Nr. 53).
Neben dem Schallteilchenmodell sind heute noch zahlreiche weitere Varianten
wie ray- oder beam- tracing sowie Hybridmethoden im Gebrauch,
bei denen räumlich ausgedehnte Strahlen verfolgt werden; besonders
interessant ist dabei die Methode der Pyramidenstrahlen. (s. Veröffentlichungen
Nr. 47, 54 )
Beispiele
Ein
Beispiel für eine raumakustische Optimierung historischer
Bauten war der Architektenentwurf für einen Ratssaal (s.
Veröffentlichungen, Nr. 21).
Zur besseren natürlichen Beschallung eines hinteren Zuschauerbereiches
(im ersten Bild bzw. Längsschnitt rechts) wurde hier unter anderem
ein Reflektor über der Bühne (links) vorgesehen. Das Bild zeigt
eine Auswahl reflektierter Strahlen (wie man sie in raumakustischen Simulationsprogrammen
selbstverständlich auch bildlich darstellen kann).
Das
nächste Bild zeigt die Pegelverteilung zunächst ohne Reflektor,
das übernächste die mit Reflektor. Grundlegend ist jeder Farbe
ein Wertebereich eines ausgewählten raumakustischen Parameters zugeordnet,
geordnet in der Reihenfolge der Regenbogenfarben (s. Legenden rechts).
Wie
man hier sieht, wächst die grüne Fläche mit Reflektoren
stark an - eine klare Verbesserung.
Pegelverteilung im Ratssaal mit Bühnenreflektor, zum Vergleich mit
dem vorigen Bild.
Im
Rahmen der Beratung einer Kirche ging es um die Frage, wo (aus
akustischen Gründen) am besten die neue Orgel hinkommt. Die folgenden
beiden Bildern zeigen jetzt die berechneten Deutlichkeitsverteilungen
für zwei Positionen:das erste, die mit der Orgel im Chorraum der
kleinen Kirche (links unten in dem stark vereinfachten Gittermodell).
Die gelben Flächen zeigen eine hohe Deutlichkeit an, die blauen im
Gemeinderaum jedoch eine starke Undeutlichkeit, d.h. Verhallung (wobei
hier zugestanden sei, dass es fraglich ist, ob für eine Orgel eine
hohe Deutlichkeit oder nicht eher eine gute Durchmischung der von verschiedenen
Pfeifen herrührenden Klänge erwünscht ist, dann beschreibt
das Bild aber treffend die zur erwartende Undeutlichkeit im Chorraum gesprochener
Worte im Gemeinderaum, zeigt also den Bedarf nach einer Beschallungsanlage
an).
Das
folgende Bild zeigt im Vergleich die viel bessere Deutlichkeitsverteilung
bei einer Orgel (oder einem Sprecher) seitlich im Gemeinderaum.
Bei
der raumakustischen Optimierung des Theaters der Stadt Magdeburg
ging es - entsprechend dem mehrfachen Zweck: Oper bzw. Musik und Theater
bzw. Sprache - um mehrere Fragestellungen (s. „Veröffentlichungen“
Nr. 35). Unter anderem um das Raumeindrucksmaß, welches in
trapezförmig (sich nach hinten weitenden) Räumen naturgemäß
- wegen des geringeren Seitenschallanteils - ungünstig ist. Durch
eine Zick-Zack-Gestaltung der Seitenwände, ein Wieder-Mehr-nach-Innen-Lenken
der Schallstrahlen (s. blaue Strahlen erstes Bild) kann der Seitenschallanteil
etwas erhöht werden (übrigens nie mehr so günstig wie in
"Schuhkarton-Räumen").
Das
Ergebnis sind erhöhte Seitenschallgrade (rote Flächen an der
Seite und weiter hinten im Bild).
Des weiteren war in diesem Theater (wie neuerdings in mehreren Konzerträumen,
so auch in Luzern) zur Verbesserung des Raumeindrucks ein ankoppelbares
Hallvolumen über dem hinteren Rang geplant.
Das
nächste Bild zeigt die dadurch schlechte Deutlichkeit auf den Rangplätzen
(blaue Flächen).
Die
Erklärung liefert der Strahlenverlauf im Längsschnitt: die Umwege
der über die sehr hohe Decke hinten rechts reflektierten Strahlen
und damit Zeitverzögerungen sind einfach zu hoch.
Schließt
man den hohen Raum oben durch eine niedrigere Zwischendecke einfach ab, verringern
sich die Umwege:
–
und die Deutlichkeit auf dem Rang erhöht sich beträchtlich – s.
die (im Vergleich zum ersten Bild hierzu) die Deutlichkeitsverteilung
auf dem letzten Bild (gelbgrüne Flächen auf dem Rang).
Nebenher verbessert sich auch die Deutlichkeit im Parkett (mehr gelbe
Flächen statt grüne wie im ersten Bild).
Der
ehemalige Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn war ein
besonderer Problemfall, zu dem der Autor (als Mitarbeiter des Fraunhofer-Instituts
für Bauphysik) erst nachträglich, d.h. nach der Vollendung des
Baus, hinzugezogen wurde (s. "Veröffentlichungen" Nr. 38).
Bei der Einweihung des neuen Saales 1993 (s. Bild rechts mit Blick auf
die "Adlerwand") funktionierte die Lautsprecheranlage nicht,
die Sitzung des Bundestages musste abgebrochen werden. Ursache war aber
nicht (oder nicht nur, wie damals in vielen Zeitungen berichtet) sie selbst,
sondern die besondere Form des Raumes, also die Raumakustik:
- auf der unteren Plenumsebene (bei ca. 40m Durchmesser) die Kreisform,
die,verstärkt auch noch durch die gewählte, schallharten Berandung
aus Glas,zu extremer Brennpunktbildung führt (der aus der Optik
bekannte Hohlspiegeleffekt), wobei hier der Brennpunkt fast genau beim
Rednerpult lag - was zu extremer Rückkopplung führte - da
konnte keine Lautsprecheranlage funktionieren (untenauf
dem Foto die Lautsprecherampel, die gegenüber dem Rednerpult im
anderen Brennpunkt lag);
- auf der oberen Tribünenebene die Quaderform mit planparallel
sich gegenüber stehenden Seitenwänden, die zusätzlich
zu Flatterechos führen (s. auch "Methodik
raumakustischer Optimierung").

Rechts
das Gittermodell des Raumes für die raumakustische Simulation.
Das
nebenstehende Bild zeigt im Grundriss des unteren Raumes- bei noch unbearbeiteten
Seitenwänden - einfach (blau) und zweifach (rot) reflektierte Strahlen,
die im Bereich rechts gegenüber dem Quellpunkt fokussiert werden.
Sie treffen übrigens nicht nur räumlich sondern auch zeitlich
konzentriert dort ein: die Laufwege vom einen zum anderen Brennpunkt sind
stets die gleichen. Dies führt zu extrem lauten Flatterechos. Das"diffuse
Schallfeld" ist durch einen solchen "Hohlspiegeleffekt" (bekanntermaßen)
extrem gestört. So führten diese Echos im neuen Plenarsaal dazu,
dass am Rednerpult nicht mal die eigene Sprache verständlich war.
Die tatsächliche Nachhallzeit war viermal länger als nach der
Sabine-Formel berechnet (was freilich schon ohne Computersimulation
hätte vorausgesehen werden können.)
Als
Folge davon ergibt sich im zentralen Plenumsbereich (blaues Feld im Bild
rechts) ein großes Gebiet sehr schlechter Sprachverständlichkeit.
Die
grundlegende Idee zur "Reparatur des Kreisraums" ist natürlich,
den Brennpunkteffekt aufzubrechen, d.h. die Reflexionen weg vom Fokus
zu lenken. In der zweidimensionalen Betrachtung des Grundrisses heißt
dies, die zylindrischen Seitenwände zickzackförmig aufzugliedern
bzw. entsprechend geschwenkte Reflektoren davor zu hängen. Aus Gründen
der Bewahrung der optischen Transparenz sollten dies Glasplatten sein
(s. Bild rechts). Die Zickzackform sollte jedoch nicht regelmäßig
sein, sonst gibt es nur zwei statt einem Brenngebiet.
Die Echobildung im Plenum konnte durch diese Maßnahme stark vermindert
werden. Allerdings konnte durch spätere Untersuchungen des Autors
erstmals nachgewiesen werden (s. Veröffentlichungen Nr. 39), dass
der Deutlichkeitsgrad in der Mitte großer kreisförmiger Räume
durch keine Maßnahmen prinzipiell erhöht werden kann. Dies
liegt am Fermat´schen Prinzip des kleinsten Umwegs, den geometrische
Reflexionen aufweisen, diffuse (mit Ausfallswinkeln ungleich Einfallswinkel)
erzeugen stets spätere Reflexionen. Wichtige, durchaus verallgemeinerungsfähige
Schlussfolgerung:
Die extrem ungünstigen raumakustischen Eigenschaften kreisförmiger
Räume können prinzipiell nicht wesentlich verbessert werden
!
Kreis - oder Kuppelräume sind also
klar zu vermeiden !
Ein weiteres Aufbrechen der Fokussierung wurde erreicht durch Ausweichen
in die dritte Dimension erreicht: durch zusätzliche seitliche, auch
in die Vertikale gekippte Reflektoren (Glasplatten), die den Schall zum
Boden oder zur Decke lenken, wo er geschluckt wird (Querschnitt s. unten).
Der Boden ist absorbierend, da Polstersitze bzw. Publikum, die Decke war
von vorneherein absorbierend geplant, wurde nur vorher von Schall nicht
genügend erreicht.

Natürlich
kann man (sofern die Nachhallzeit im günstigen Bereich bleibt) Fokussierung
von Schall auch schlicht durch seine direkte Absorption verhindern. Hier
kam erschwerend hinzu, dass dabei aber die Lichttransparenz gewahrt bleiben
sollte. Als unterstützende Maßnahme wurden daher vor Teilen
der Außenfassade „mikroperforierte“, und damit lichtdurchlässige
Schallabsorber installiert, die zu der Zeit im Fraunhofer-Instituts für
Bauphysik gerade entwickelt worden waren (s. rechts, s. auch "Methodik
raumakustischer Optimierung" /Absorber). Diese sind
inzwischen weiter entwickelt, werden von mehreren Firmen angeboten und
sind vielfältig einsetzbar.
Das Ergebnis der zahlreichen Verbesserungsmaßnahmen im Plenarsaal
in Bonn (zu denen auch Verbesserungen an der Lautsprecheranlage gehörten,
vor allem eine gerichtetere Beschallung) war die weitgehende Unterdrückung
der störenden Echos und eine erhöhte Deutlichkeit im Plenum
(s. letztes Bild hierzu, die gelben -roten Plätze weisen nun eine
ausreichende, wenn auch nicht hohe Deutlichkeit auf.)

Durch Computersimulation kann also effektiv und gründlich die Raumakustik
von Auditorien optimiert werden. Am besten sollte sie freilich schon im
Entwurfsstadium zum Einsatz kommen.
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